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Artikel aus http://kurier.at/freizeit/koerperseele/1025571.php

 

dem Online Freizeit Kurier

 

Führerschein fürs Eheglück

Hochzeiten boomen, Trennungen leider auch. Jede dritte Ehe wird geschieden – das müsste nicht sein. Liebe lässt sich lernen, sind immer mehr Therapeuten überzeugt und schicken Beziehungsgeschädigte in die Liebesschule. Am besten schon vor dem Ja-Wort.


Wenn’s hilft, bitte schön: In Zukunft sollen Paare Ringe aus dem Knochenmaterial des Angetrauten als Zeichen der Zuneigung tragen können. Hergestellt wird das wildromantische Geschmeide aus gezüchteten Zellen, die dem Kiefer entnommen werden. Der Wachstumsprozess des Bioschmucks dauert sechs bis acht Wochen. Die Ehe danach überlebt bei manchen Paaren dann nicht einmal das erste gemeinsame Jahr.

Und dennoch: Heiraten boomt. 2004 gab es um 3,8 Prozent mehr Eheschließungen als in den Jahren zuvor. Auch 2005 sind die Ja-Sager höchst aktiv. Dem gegenüber steht nüchterne Scheidungsstatistik: Jede dritte offiziell abgesegnete Beziehung scheitert. „Ehe – eine vom Staat sanktionierte Tyrannei“, wie Alma Mahler-Werfel meinte, oder doch etwas, worauf man zählen könnte, hätte man – tja – nur irgendwo mal gehört, wie man den Tücken des Beziehungsalltags entrinnt.

Ist Liebe erlernbar? Immer mehr Therapeuten sind überzeugt: Es macht Sinn für die Zeit nach den Hochzeitsglocken zu büffeln – diverse Untersuchungen zeigen die Wirksamkeit solcher Programme: So zeigte sich etwa, dass jene Paare, die einen Drei-Tages-Workshop für eheliche Kommunikation und Stressmanagement besucht hatten, drei Jahre später gegenüber nicht „Geschulten“ um bis zu 20 Prozent seltener vorm Scheidungsrichter endeten. Nur zu oft wird eine gute Ehe als selbstverständlich angenommen – viele machen sich im Rausch der ersten Gefühle gar keine Gedanken, wie es abseits der ersten Verliebtheit weitergehen könnte. Ein „Fitness-Training“ für die gemeinsamen Jahre beugt nicht nur möglichen Verletzungen vor, sondern bringt die Beteiligten in Liebesform. Studien zeigen: Unglückliche Ehen machen krank und verkürzen das Leben um vier Jahre, glückliche stärken das Immunsystem. Der amerikanische Eheforscher John Gottman dazu: „Würden Fitnessfreaks nur zehn Prozent ihrer wöchentlichen Trainingszeit, zirka 20 Minuten täglich, darauf verwenden, an ihrer Ehe statt an ihrem Körper zu arbeiten, würden sie dreimal mehr Gesundheit ernten.“

Auch Elisabeth Pollheimer, Leiterin des „Arbeitskreises Ehevorbereitung“ des katholischen Familienwerks, betont die Sinnhaftigkeit eines „Lehrgangs“ vor dem Ja-Wort: „Schließlich bereiten sich Menschen auf alle wichtigen Situationen im Leben vor bzw. bilden sich aus, ich denke dabei z. B. an den Führerschein oder ein Vorstellungsgespräch.“ Im Duo mit ihrem Partner hält sie Seminare für Paare, die sich kirchlich trauen lassen wollen: „Diese bieten die Gelegenheit, vor der Trauung für einige Stunden bzw. Tage noch einmal die Bedeutung dieses Schrittes zu reflektieren.“

Auch wenn die Nachfrage nach „Partnerschulen“ noch recht überschaubar ist, gibt es jede Menge Möglichkeiten, sich in der Causa „Ehetauglichkeit“ Nachhilfe geben zu lassen. Pickerl für die Liebe: Wer etwa in Amerika vom Pfarrer getraut werden will, muss – immer öfter – davor zum Test antreten und beweisen, dass er/sie der oder die Richtige ist. Sozial-Wissenschaftler aus Minnesota haben Ende der 70er-Jahre den „Prepare-Test“ entwickelt – 165 Fragen an Heiratswillige, die ermitteln, wie gut zwei zusammenpassen. Das Ergebnis sagt mit einer Wahrscheinlichkeit von 85 Prozent voraus, welche Paare ein hohes Scheidungrisiko haben. Zumindest in den USA gelang es damit, die Trennungsrate drastisch zu senken. Weltweit arbeiten über 50.000 Berater mit dem Liebes-Check-up, über 1,5 Millionen Paare haben ihn schon hinter sich. Auch in Österreich gibt es immer mehr „Prepare“-Anbieter – Pastoren, Lebens- und Sozialberater sowie Therapeuten. Dabei – betonen die Experten – gehe es gar nicht darum, die Beziehung zu „prüfen“, sondern schlicht und einfach um eine Bestandsaufnahme als Stärkung der Zweisamkeit. Eine Art Online-TÜV bietet seit einiger Zeit auch die Universität Göttingen: „Theratalk“ ist ein Partnerschaftstest nach neuestem Stand der Forschung. Hier sehen Ratsuchende auf einem Blick jene Bereiche mit Handlungsbedarf und Entwicklungspotenzial. Anschließende Paar-Therapie per Internet möglich. Dr. Ragnar Beer, Leiter des Projekts: „Insgesamt haben bisher 80.000 Menschen den kostenlosen Test genutzt, 300 Therapien wurden durchgeführt.“ Mit nachhaltiger Wirkung, wie bewiesen werden konnte: In allen Fällen zeigte sich eine bedeutende Zunahme der partnerschaftlichen Zufriedenheit.

In vielen Fällen hilft schlichtes Kommunikationstraining – viele Menschen reden nahezu magisch aneinander vorbei. Im Alltag der Beziehung führt das direkt ins Chaos. „Die vier apokalyptischen Reiter“ nennt Ehe-Forscher Gottman jene Kommunikationssünden, die eine Beziehung auf Dauer ruinieren. Der erste heißt Kritik – Herumnörgeln, Schuldzuweisungen bis hin zur generellen Verurteilung des Partners. Apokalypse Nummer 2: Verachtung. Abschätzige Bemerkungen, subtiler Sarkasmus, beleidigender Zynismus. Die Spirale dreht sich – Richtung Nummer 3: Rechtfertigungen. Gottman hat herausgefunden, dass die exakt Null bringen, weil es sich im Grunde nur um eine Methode handelt, die kommuniziert: „Darling, das Problem liegt bei dir und nicht bei mir“. Spätestens jetzt steuert das Paar gen Abgrund bzw. Reiter Nummer 4: Mauern. Einer der Partner klinkt sich aus – Schotten dicht. Gelegentlich schauen die vier Reiter auch in glücklichen Ehen vorbei, beteuert der Ehe-Experte – wo sich das Quartett jedoch dauerhaft niederlässt, ist Scheitern vorprogrammiert .

Scheidungsforscher wissen, dass langes Eheglück gar nicht von möglichst ähnlichen Persönlichkeitsmerkmalen abhängt. In guten Ehen wird ebenso gestritten wie in unglücklichen – der Unterschied: Glückliche Partner verletzen einander nicht so tief. Und das ist oft eine Frage der richtigen Kommunikation. Auf diesbezügliche Vorbeugung setzt z. B. EPL – ein partnerschaftliches Lernprogramm, das auf einem intensiven Gesprächstraining basiert. Eine Teilnahme ist vor und nach der Hochzeit, speziell in den ersten gemeinsamen Jahren, sinnvoll. Dabei lernen Partner, sich so auszudrücken, dass beim Gegenüber ankommt, was man mitteilen will. Und auf der anderen Seite so zuzuhören, dass besser verstanden werden kann, was der andere meint.

Auf Spiritualität mit einer Prise Esoterik setzt hingegen Brigitte Bayer von der „Partnerschule Harmonie“. Auch sie kritisiert: „Vieles wird gelehrt, jedoch nicht, wie man eine Beziehung lebt.“ Falsche Beziehungsmuster seien es, die zu neurotischen Spielen und somit direkt in eine Negativspirale führten. Mit einer Kombination aus Astrologie, Psychologie, Körper- und Energiearbeit will die Expertin dem Liebesleid ganzheitlich zu Leibe rücken. Resümee einer Partnerschulen-Absolventin: „Hier lernte ich erstmals mich und meine Bedürfnisse kennen, vor allem aber Verantwortung für mein Leben und meine Beziehung zu übernehmen. Weg vom komm mach mich glücklich und vom enttäuschten du bist schuld. Hin zum Erkennen und zur Akzeptanz der unterschiedlichen Bedürfnisse, Ansichten und Fähigkeiten.“

Freilich – manchmal hilft selbst die beste Schulung nicht gegen das Scheitern. Dann gilt die Devise „zurück an den Start“. Frei nach dem englischen Schriftsteller Samuel Johnson: „Die zweite Ehe ist der Triumph der Hoffnung über die Erfahrung.“

 

Von Gabriele Kuhn